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Interview mit Tierarzt Dr. Helmut Pinsenschaum zum Thema Zeckenschutz

"Am besten schon den Zeckenstich verhindern"



Zecken können die Erreger von zum Teil tödlich verlaufenden Infektionskrankheiten auf den Hund übertragen. Dr. med. vet. Helmut Pinsenschaum betreibt eine Tierarzt-Praxis in Münchsteinach und rät zu Zeckenpräparaten, die zusätzlich zu ihrer abtötenden Wirkung bereits den Stich der Parasiten verhindern können.

Herr Dr. Pinsenschaum, wie steht es in Deutschland um die Ausbreitung von Zecken und durch Zecken übertragene Krankheitserreger?

Wir beobachten seit mehreren Jahren, wie sich für Hunde – und übrigens auch den Menschen- relevante Zeckenarten immer weiter ausbreiten – und damit auch die Krankheitserreger. Während der Gemeine Holzbock im ganzen Land vorzufinden ist, sehen wir inzwischen auch eine weite Verbreitung der Auwaldzecke. Bei den Erkrankungszahlen lässt sich ebenfalls ein Anstieg feststellen, z. T. finden sich sogar „neue“, vorher unbekannte Erreger. Für die Zeckenprophylaxe ist mit Blick auf die Übertragung solcher Infektionserreger der sogenannte repellierende Effekt wichtig, d. h. die Zecke wird bereits am Stich und damit an der Übertragung von Krankheitserregern gehindert und anschließend abgetötet.

Welche Bedeutung haben Infektionen durch Zeckenstiche in Ihrer Praxis?

Es gibt immer mehr Fälle etwa von Babesiose und Anaplasmose, die u.a. das Immunsystem des Hundes schwächen können. In bestimmten Urlaubsgebieten spielen darüber hinaus auch eine Vielzahl weiterer Zecken-übertragener Erreger eine Rolle, die bei einer Reiseprophylaxe berücksichtigt werden sollten. Viele Hundehalter sind verunsichert wegen dieser möglichen Infektionsgefahren. Gerade zur Reisezeit und den saisonalen Zecken-Peaks im Frühjahr und Herbst gibt es einen erhöhten Beratungsbedarf.

Können Sie uns von einem besonderen Fall berichten?

Hunden, die besonders aktiv sind, merkt man eine Babesiose-Erkrankung am ehesten an. Sie sind deutlich geschwächt und schnell ausgelaugt. So war das auch bei Max, einem 5-jährigen Beagle. Sein Besitzer hatte eine Zecke beim Absuchen übersehen und erst zu spät entfernt. Etwa 2-3 Wochen später war der sonst so lauffreudige Max wie ausgewechselt, wollte nur noch daheim auf dem Sofa liegen. Nach Vorstellung in meiner Praxis konnte durch eine Blutuntersuchung die Diagnose Babesiose – eine Zecken-übertragene Erkrankung – gestellt werden. Nach rascher medikamentöser Behandlung war Max 2 Wochen später wieder der Alte. Allerdings wäre ohne rechtzeitige Diagnose und Behandlung sogar ein tödlicher Verlauf möglich gewesen.

Welche Rolle spielt die Übertragungsdauer beim Stich durch die Parasiten?

Wie Studien zeigen, kann die Übertragung – je nach Erreger unterschiedlich – teils schon unmittelbar nach dem Stich stattfinden, teils beginnend nach wenigen Stunden bis hin zu Tagen. Problematisch ist, dass Zecken beim Absuchen des Hundes oft erst nach etwa 3 Tagen oder später entdeckt werden. Sie werden durch den Vorgang des Blutsaugens über diesen Zeitraum langsam größer und sind somit erst dann leichter zu entdecken. Erreger können während dieser Zeit aber schon auf den Hund übertragen worden sein. Bei Anwendung von Tierarzneimitteln gegen Zecken, die nicht über repellierende Eigenschaften verfügen, ist in diesem Zusammenhang zu beachten, dass Zecken erst abgetötet werden können, nachdem sie gestochen haben. Deshalb kann ein Risiko der Übertragung von Krankheiten durch Zecken bei solchen Präparaten nicht ausgeschlossen werden.

Wie kann Infektionen wirkungsvoll begegnet werden?

Zunächst sollten wir Tierärzte weiter daran arbeiten, Hundehaltern die Notwendigkeit eines wirksamen und geeigneten Zeckenschutzes klar zu machen. Sinnvoll ist zudem, die Parasitenprophylaxe ganzjährig vorzunehmen und seinen Hund nicht nur während der vermeintlichen Höhepunkte der Zeckenaktivität zu schützen. Und letztlich ist die repellierende und abtötende Wirkung entscheidend: So können die meisten Zeckenstiche verhindert und das Risiko der Übertragung von Krankheitserregern indirekt reduziert werden.

März 2015


Dr. med. vet. Helmut Pinsenschaum ist niedergelassener Tierarzt. Seit 1990 behandelt und berät er in seiner eigenen Tierarzt-Praxis in Münchsteinbach, Bayern.


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