
“Der Holzbock wird nach wie vor unterschätzt“
Noch lässt der Frühling auf sich warten, und die meisten Hundebesitzer verschwenden wohl kaum einen Gedanken an Zecken. Allerdings muss schon bei Temperaturen von wenigen Graden über null damit gerechnet werden, dass sich Zecken auf die Jagd begeben – mit teilweise gefährlichen Folgen für Hund und Frauchen / Herrchen. Wir sprachen mit Dr. Torsten Naucke, Parasitologe an der Universität Hohenheim, Stuttgart, über die aktuellen Zeckentrends in Deutschland und mögliche Schutzmaßnahmen.
Was erwarten Sie für die Zeckensaison 2010?
Dr. Naucke: Anders als im Vorjahr hatten wir in diesem Winter über lange Zeit eine geschlossene Schneedecke in vielen Teilen Deutschlands. Diese wirkt wie eine Isolierschicht gegen kalte Temperaturen und fördert das Überleben der Zecken. Sie können bei solchen Bedingungen reglos im Erdboden verharren und erleiden keinen Energie- oder Flüssigkeitsverlust. 2010 könnte also ein gutes Zeckenjahr werden.
Hat sich hinsichtlich der Gefahren durch Zecken in den letzten Jahren etwas verändert?
Dr. Naucke: Es werden immer mehr Krankheitserreger, sogenannte Pathogene, in den Zecken gefunden. Die Auwaldzecke – Dermacentor reticulatus - und die damit verbundene Babesiose-Problematik ist inzwischen weitläufig bekannt. Beim Holzbock - Ixodes ricinus - wissen wir, dass dieser Parasit Überträger der Borrelien und Anaplasmen ist. Aus meiner Sicht ist die Anaplasmose die problematischere Erkrankung als die Borreliose. Wir sehen inzwischen wesentlich mehr an Anaplasmose als an Borreliose erkrankte Hunde.
Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Dr. Naucke: Ich denke, der Holzbock wird nach wie vor unterschätzt. Vielfach wird der Hund nur zur Zeckenhochsaison mit einem Anti-Zeckenmittel geschützt. Der Holzbock ist aber ab ca. zehn Grad Celsius aktiv, unter Umständen also auch bei milden Wintertemperaturen. Inzwischen sind deutschlandweit zwei bis vier Prozent der Holzböcke mit Anaplasmen infiziert. In der Köln-Bonner Region besitzen über zehn Prozent der Hunde, die mit Zecken in Berührung kommen, Antikörper gegen Anaplasmen. Auch für den Tierhalter kann ein fehlender Zeckschutz gefährliche Folgen haben: Anaplasma phagocytophilum ist der Erreger der sogenannten humanen granulozytären Ehrlichiose (HGE) beim Menschen.
Woran forschen Sie genau?
Dr. Naucke: Wir versuchen im Rahmen unseres Dermacentor-Zecken-Projekts deutschlandweit Auwaldzecken mit Hilfe der Bevölkerung aufzunehmen: Durch die Medien rufen wir die Bevölkerung dazu auf, uns diese Parasiten einzusenden, die durch ihre Größe und marmorierten Panzer gut vom Holzbock zu unterscheiden sind. Unser Ziel besteht darin, deutschlandweit diese Zecken zu kartieren: wo diese Zeckenart neu auftaucht, wo sie Probleme bereitet und wo ihre Verbreitungsgrenzen sind. Die deutsche Bevölkerung leistet hier großartige Arbeit. Wir rechnen dieses Jahr mit der 10.000sten Einsendung.
Kommt die Auwaldzecke wirklich nur in Auwäldern bzw. feuchten Wiesen vor?
Dr. Naucke: Wir haben inzwischen Einsendungen erhalten, bei denen die Auwaldzecke sogar in Stadtgärten gefunden wurde. Tatsächlich zeigt sich, dass der Name nicht mit dem Verbreitungsgebiet übereinstimmt; es sind weniger die Auwälder als die trockenen Wiesenbereiche, wo sich dieser Parasit häufig finden lässt. Die Verbreitungsgrenze scheint derzeit etwa 200km südlich der Nord- und Ostsee zu liegen. Es ist gut zu beobachten, dass diese Zecke sich stärker ausbreitet als der Holzbock. Sie ist übrigens bereits ab vier Grad Celsius aktiv.
Wie sammeln Sie eigentlich die Zecken?
Dr. Naucke: Die Auwaldzecke sieht man beim Spazieren mit bloßem Auge links und rechts des Weges. Sie sitzen meistens auf verdörrten, beige braunen Grashalmen des Vorjahres. Insofern setzen sie sich relativ kontrastreich auf diesen Grasstängeln ab, so dass man sie dann einfach mit der Hand „abpflückt“ bzw. absammelt. Wenn man zur Hauptaktivitätszeit (März/April) der Auwaldzecke südlich von Berlin mit dem Hund über die Rieselfelder geht, kann es passieren dass ein Hund innerhalb einer Stunde hundert Dermacentor-Zecken einsammelt.
Welche Jahrezeit ist denn nun die gefährlichste für Hundehalter und ihre Vierbeiner?
Dr. Naucke: Die Auwaldzecke ist an niedrigere Temperaturen angepasst als der Holzbock. Deshalb kommt sie hauptsächlich im März und April vor. Dann zieht sie sich wieder in den Boden zurück, weil es ihr wahrscheinlich zu warm und zu trocken wird. Im Mai/Juni kommt dann der Holzbock. Sollten wir dann einen wirklich warmen und trockenen Sommer bekommen, was in den letzten Jahren häufig ausgefallen ist, dann reduziert sich die Menge der Holzböcke, die wir auf den Hunden finden, im Juli/August auch wieder deutlich und kommt dann im September wieder. Ende September und Oktober/November ist dann die Auwaldzecke wieder da.
Was heißt das für den Zeckenschutz?
Dr. Naucke: Ein wirksamer Zeckenschutz für den Hund ist das ganze Jahr über angeraten, solange sich die Temperaturen im Plus-Bereich bewegen. Und noch ein ganz wichtiger Hinweis: Funktionierende Zeckenabwehrmittel kauft man nicht im Supermarkt, sondern beim Tierarzt!
Herr Dr. Naucke, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.




